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Die Lokomotiven auf der Trasse der Stalinbahn

Autor: Ulrich Kuhn
Stand: 17.10.2015

 
I N H A L T 
1. Die Lokomotiven werden angeliefert
2. Die Lokomotiven arbeiten auf der Trasse
3. Die Lokomotiven nach dem Abbruch der Arbeiten
4. Tabelle

Einzelnachweise
Quellen

 1. Die Lokomotiven werden angeliefert

Eine der großen Aufgaben beim Bau der Stalinbahn war es, die per Schiff in den Sommermonaten an die Trasse gelieferten Lokomotiven auf die Gleise zu setzen. Ob man die Loks in Einzelteilen angeliefert und vor Ort zusammengebaut hat, oder die kompletten Lokomotiven die teilweise recht steilen Uferböschungen hochgezogen hat, lässt sich bisher nicht in Erfahrung bringen. Immerhin hatten die für die russische Breitspur verwendeten Dampflokomotiven vom Typ „Паровоз Ов“ (der Volksmund machte aus „Ов“ —> „Овечка“, was „Schäfchen“ oder „Lamm“ bedeutet) rund 52 Tonnen Gewicht [1],[2],[3]. Das sind relativ leichte Dampflokomotiven, was man schon an der kurzen Achsfolge erkennen kann: „0-4-0“ (nach russ. Nomenklatur) bzw. „D“ (nach UIC). Zum Vergleich: Die schwersten deutschen Dampfloks hatten ein Gewicht von ca. 220 Tonnen. Aber dennoch: In dieser sandigen Gegend, wo der Permafrost im Sommer an der Oberfläche 1-2 Meter auftaut und alles in Morast verwandelt, war ein Aufsetzen von 52 Tonnen auf Schienen wahrscheinlich nur im Winter möglich – also viele Monate nach der Anlieferung per Lastkahn.

Insgesamt wurden 16 Lokomotiven der Serie „O“ angeliefert [4],[5]. Die Lokomotive „OB“ ist von 1904-1907 in großen Stückzahlen gebaut worden. Somit war die Serie damals schon veraltet und tatsächlich waren 8 der gelieferten Lokomotiven zuvor schon ausgemustert worden. Da sie aber noch funktionstüchtig waren, sind sie auf der Stalinbahn wieder in Dienst gestellt worden.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass es auch Quellen gibt, die besagen, dass auf dem Streckenabschnitt „501“ die Loks der Serie „Э“ und „С“ verwendet wurden [6],[7]. Damit könnte der erste „501“-Abschnitt von Chum nach Labytnangi gemeint sein, denn tatsächlich gibt es ein Foto mit einer Lokomotive der Serie „Э“ in Labytnangi [8]. Auch die Lok, die in Salechard auf einem Denkmalsockel steht, ist eine der Serie „Эм“.

Zusätzlich sei erwähnt, dass es auf der ganzen Strecke auch 40 Lokomobile der Serie „S“ (120-125 PS), einige Loks mit Verbrennungsmotor und motorbetriebene Draisinen gab. Diese Fahrzeuge werden hier aber nicht betrachtet.

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 2. Die Lokomotiven arbeiten auf der Trasse

Die Lokomotiven brachten die Baumaterialen an die vorderste Stellen der Trasse, eben dort, wo sie gebraucht wurden. Im späteren Verlauf des Bauprojektes dienen Sie auch dazu, einen regulären Personentransport zu ermöglichen. Dies geschah ab August 1952 auf dem Streckenabschnitt „501“ von Salechard nach Nadym und zu Beginn des Jahres 1953 auf der „503“ von Jermakowo nach Janow Stan. Die Lokomotiven waren aber nicht lange im Dienst: Im Sommer 1949 wurden die ersten Ausrüstungsteile und sicher auch bald die ersten Lokomotiven angeliefert. Im März 1953, kurz nach Stalins Tod, also keine 4 Jahre nach Baubeginn, wurden die Arbeiten eingestellt. Zunächst sprach man von „konservieren“, was dazu führte, dass die Loks - zumindest auf dem Streckenabschnitt „503“ - so behandelt wurden, dass kein Unbefugter sie bewegen konnte. So sieht man teilweise heute noch (z. B. am Taz-Depot) die demontierten Treib- und Kuppelstangen, fein säuberlich neben den Rädern liegen.

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 3. Die Lokomotiven nach dem Abbruch der Arbeiten

Im November 1953 gab es neue Befehle: Statt die Strecke zu „konservieren“ war jetzt “liquidieren“ angesagt, was praktisch bedeutete, dass die ganze Baustelle so schnell wie möglich aufgegeben wurde. Geräte, die noch brauchbar waren und die man ohne großen Aufwand bergen konnte, wurden mitgenommen. Die nun endgültig veralteten Lokomotiven waren mit vernünftigem Aufwand nur noch im Bereich des Streckenabschnitts „501“ über Labytnangi in das russische Schienennetz zurückzuführen. Dies galt für mindestens 4 Lokomotiven. Evtl. blieb eine Lok zurück, denn im Jahre 2003 schaffte es - wie oben schon erwähnt - eine Lok der Serie „Эм“ - optisch restauriert - in Salechard auf den Sockel einer Gedenkstätte für die Opfer der Stalinbahn. Die Loks auf dem Streckenabschnitt „503“ verblieben, als das GULag aufgegeben wurde, einfach dort stehen wo sie gerade waren. Dass heißt:
- 4 Loks standen direkt neben dem Lok-Depot am Fluss Taz,
- 2 Loks standen westlich der unfertigen Brücke über den Fluss Turuchan,
- 3 Loks standen im Bereich des Lok-Depots in Jermakowo und bei
- 2 Loks ist der genaue damalige Standort nicht bekannt.

Im Jahre 1964 hat man große Teile der Schienen auf dem Streckenabschnitt „503“ geborgen und nach Norilsk gebracht. Wahrscheinlich sind auch in diesem Zusammenhang die beiden Loks, die hinter der Brücke über den Turuchan standen, von den Schienen geworfen worden. Eigentlich unlogisch, denn die 32 km Schienen hinter diesen Loks wurden nie demontiert. Auch in Jermakowo hat man „gewütet“. Den Demonteuren reichten die Schienen nicht aus, auch das Eisen der Loks (immerhin über 50 Tonnen pro Lok) wollte man sich nicht entgehen lassen. So sieht man heute noch ein schweres, metallenes Stahlseil an einer Lok befestigt (siehe die lfd. Nr.1 in der angefügten Tabelle), mit dem sie weggezogen werden sollte. Lokomotiven der lfd. Nr. 2 und 3 zerteilte man an Ort und Stelle mit einem Schweißbrenner in 3 Teile, ließ die Teile dann aber doch aus unbekannten Gründen in der Waldtundra zurück. Lediglich zwei Lokomotiven (lfd. Nr. 4 und 5) zerrte man an das Ufer des Jenisseis.

Vier Jahrzehnte lang sah so die Situation der Lokomotiven aus. Viel Zeit ging ins Land und technische Geräte, die einst nur Schrottpreise brachten, stiegen langsam wieder im Wert bzw. fanden bei Liebhabern vermehrtes Interesse. So auch die Lokomotiven der Serie „Ов“. Unbekannte entfernten im Juli 2005 - ohne Absprache mit der Museumsverwaltung in Igarka - die beiden Lokomotiven, die am Ufer des Jenisseis lagen. Die genauen Hintergründe können in der Literatur (siehe Einzelnachweise bzw. Tabelle) nachgelesen werden [10],[11],[12],[13].

Ähnliches passierte im September des Jahres 2013 - diesmal aber höchst offiziell! Eine der vier Lokomotiven, die am Fluss Taz stehen, wird demontiert. Mit einem Lastenhubschrauber werden die Einzelteile der „Ов-4171“ zur Restauration und zum Verbleib in einem Museum ausgeflogen [14] … [22].
Man kann nur hoffen, dass durch solche Bemühungen die Schicksale der Menschen, die an der Stalinbahn arbeiteten und ihr Leben ließen, niemals in Vergessenheit geraten.

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 4. Tabelle

Hier sind alle beim Abbruch der Bauarbeiten im Jahr 1953 zurückgelassener Lokomotiven aufgelistet
(sortiert von Osten nach Westen):

  Lfd. Nr. Bauabschnitt Standort
(ggf. ehemaliger)
Koordinaten
(ggf. ehemalige)
Typ / Serien-
Nr.
Besonderheit (Bezeichnung, …) In welchem Zustand sind die Loks?
Welches Schicksal ereilte die Loks?
Foto Beschreibung
(in russ.) und Standort
(ggf. ehemaliger Standort)
Beschreibung
(in russ.) des  neuen Standorts
1 503 Jermakowo

 

66°35'44.8''N
86°12'07.2''E
Typ 1 Laut Wikimapia Lok Nr. 1 Versuch eines Abschleppens  
2 503 Jermakowo

 

66°35'29.7''N
86°10'54.6''E
Typ 1 Laut Wikimapia Lok Nr. 2 Mit Schweißbrenner in drei Teile aufgetrennt  
3 503 Jermakowo

 

66°35'31.6''N
86°10'53.3''E
Typ 1 Laut Wikimapia Lok Nr. 3 Mit Schweißbrenner in drei Teile aufgetrennt  
4 503 Jermakowo

 

66°35'22.5''N
86°12'40.1''E
Typ 1 Паровоза № 1-у с июля 2005 Abtransportiert nach Пионерный  
5 503 Jermakowo

 

66°35'22.5''N
86°12'40.1''E
Typ 1  /
Oв-541
Паровоза № 2-у с августа 2005 Abtransportiert nach Пионерный  
6 503 Janow Stan 65°59'20.1''N
84°19'06.8''E
Typ 1
ggf. eine Oд?
Lokomotiven (Typen 76 und 77) 67 umgestoßen, um an die Schienen zu gelangen
77 umgestoßen wegen "Unfugs"
 
7 503 Janow Stan 65°59'20''N
84°18'24.7''E
Typ 1 Lokomotiven (Typen 76 und 77)  67 umgestoßen, um an die Schienen zu gelangen
77 umgestoßen wegen "Unfugs"
 
8 503 Taz-Depot (Dolgi) 66°02'59.1''N
82°07'01.9''E
Typ 1 /
Oв-3821
  Treib- und Kuppelstangen sind demontiert
Im Jahr 2013 mit Rostschutz schwarz gespritzt
 
9 503 Taz-Depot (Dolgi) 66°02'59.9''N
82°07'02.7''E
Typ 1 /
Oв-3821
  Treib- und Kuppelstangen sind demontiert
Im Jahr 2013 mit Rostschutz schwarz gespritzt
 
10 503 Taz-Depot (Dolgi) 66°03'00.8''N
82°07'04.6''E
Typ 1 /
Oв-4171
  Abtransportiert wahrscheinlich nach Уралэлектромедь (bei Jekaterinburg)
11 503 Taz-Depot (Dolgi) 66°03'01.8''N
82°07'05.4''E
Typ 1 /
Oв-6698
  Treib- und Kuppelstangen sind demontiert
Im Jahr 2013 mit Rostschutz schwarz gespritzt
 
12 501 Salechard 66°33'15.6''N
66°37'13.2''E
Typ 2 /
Эм-71126
  Lok steht restauriert auf einem Sockel    
  Typ 1: Паровоз Ов
Typ 2: Паровоз Эм

 
 

Einzelnachweise:

Allgemein

[1] http://ru.wikipedia.org/wiki/Паровоз_О

[2] http://dic.academic.ru/dic.nsf/ruwiki/1086593

[3] http://trtrom.narod.ru/parovoz/parso.htm

[4] http://sociosphera.com/publication/conference/2013/164/transpolyarnaya_
zheleznaya_doroga_sozdanie_novoj_realnosti_i_sudba_stroitelstva/

[5] http://www.sociosphera.com/files/conference/2013/Sociosphere_1-13/157-160_v_a_kalinin.pdf

[6] http://vparavoz.com/typee/typee_44.html

[7] http://www.memorial.krsk.ru/Work/Konkurs/7/Balavadze/Balavadze.htm  http://www.memorial.krsk.ru/Public/90/199010.htm

[8] http://polyarny.net/letopis/post-110/

[9] http://www.gcbs.ru/arh/sen_08/_version/September_08/V_YANAO.htm

Nachweise für den Abtransport im Juli 2005

[10] http://www.memorial.krsk.ru/Articles/503/2/02.htm

[11] http://timotv.livejournal.com/280561.html
http://ru-railway.livejournal.com/1657937.html

[12] http://parovoz.com/phpBB2/viewtopic.php?f=24&t=7869

[13] http://www.kureika-foto.narod.ru/parovoz.htm

Nachweise für den Abtransport im September 2013

[14] http://englishrussia.com/2014/01/08/stalins-locomotive-rescue-operation

[15] www.grifoninfo.ru/videos/спецрепортаж-о-транспортировке-паровоза-из-ямальской-тундры-в-верхнюю-пышму

[16] www.grifoninfo.ru/news/специальный-репортаж-телекана
ла-атн-об-уникальных-паровозах-теперь-можно-посмотреть-на-нашем-са

[17] http://66.ru/news/hitech/146095/

[18] http://rusrep.ru/article/print/10034856/

[19] http://story.d3.ru/comments/493449/

[20] http://komen-dant.livejournal.com/821866.html

[21] http://mob.rgo-sib.ru/reportage/379.htm

[22] http://www.obltv.ru/news/culture/itogi_nedeli_neobyknovennaja_istorija_parovoza_iz_tundry/

 

 Quellen:

http://www.memorial.krsk.ru/deu/Dokument/Ariicles/199850303.htm

http://www.memorial.krsk.ru/Articles/503/03.htm

http://www.memorial.krsk.ru/Articles/503/17.htm

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